#muellergirod

cmg
Social Medi
a – ein großes Thema auf der C’n’B in Köln. Ein Terrassen-Gespräch mit Christoph Müller-Girod, Social Web Coach bei CMG Media. Artikel: Lab2010

Jens Kobler: Eine Meldung aus der Welt Kompakt: Nur ein Drittel aller Internetnutzer besucht zumindest wöchentlich Netzwerke wie Facebook und Myspace, 11 Prozent gar nur monatlich, 15,2 Prozent noch seltener, 10 Prozent kennen diese gar nicht. Was sagt das jemandem, dessen Job es ist, für Kunden Strategien im Umgang mit diesen Netzwerken zu entwickeln? Und was bedeutet das für all die Unternehmen, zum Beispiel Veranstalter oder Verlage, die sich erst noch auf diese Medien einstellen müssen?

Christoph Müller-Girod: Der Artikel ist im Grunde Wasser auf meinen Mühlen. In Deutschland wird seit zwei Jahren mehr Zeit im Internet als vor dem Fernsehen verbracht. Und das ist die Ankündigung eines Tsunamis, für den wir alle in der Branche uns endlich aufstellen müssen. Innerhalb der Social Media ist binnen der nächsten zwei Jahre mit einer Verdoppelung bis Verdreifachung der Nutzerzahlen zu rechnen, und dafür müssen Strukturen geschaffen, Angebote entwickelt werden.

Foto: Christoph Müller-Girod

Foto: Christoph Müller-Girod

Jens Kobler: Gibt es denn Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Werbens beziehungsweise der Kundenbetreuung innerhalb von Social Media? Oder gibt es eher Schwierigkeiten, sich strukturell oder vom Stil her anzupassen?

Christoph Müller-Girod: Gerd Leonhard hat einmal gesagt: „When the pain gets bigger, the vision gets going“. Wird also gemerkt, dass das alte Marketingmodell nicht mehr funktioniert, dann erst beginnt man, sich über neue Möglichkeiten Gedanken zu machen.

Jens Kobler: Wenn das Thema dann an Spezialisten ausgelagert wird: Wissen die Kunden, worauf sie sich einlassen? Können Sie die Möglichkeiten und den Arbeitsaufwand abschätzen?

Christoph Müller-Girod: Das Verständnis für die Relevanz von Social Media hat definitiv zugenommen. Noch vor zwei Jahren stießen wir mit Angeboten für Facebook und Twitter auf Unverständnis, mittlerweile lässt sich eine Art dreistufige Entwicklung fast sicher vorhersagen: Zunächst Skepsis, dann Neugier, dann Begeisterung. Besondere Beachtung findet die Möglichkeit, mit der Zielgruppe zu interagieren, sie aber auch Entscheidungen mittragen zu lassen. Ein Beispiel aus unserer Zusammenarbeit mit dem K.West-Magazin: Der Chefredakteur erzählte, dass es an Feedback vorher nur wenige, aber meist negative Leserbriefe gegeben habe – obwohl 90 Prozent der Leser das Magazin sehr gut finden. Im Internet ist das ganz anders: Dort gibt es nicht nur mehr Feedback, sondern auch (angemessen) positives. Schreibt ein User nach dem Besuch eines sechsstündigen Theaterstückes als Kommentar „Das Aushalten lohnt sich wirklich!“, dann ist das einfach sehr viel wert. Spätestens bei solchen Reaktionen wechseln die Kunden von Skepsis zu Neugier, auch weil sie merken, dass ihre Arbeit beim Zielpublikum ankommt. Es müssen natürlich individuelle Strategien für unterschiedliche Kunden entwickelt werden, und dabei gibt es auch immer den Aspekt, dass man sich im Experimentierstadium befindet. Werden also Fehler gemacht, müssen die auch richtig gemacht werden, zum Beispiel bei der Frage, wann eine Seite online gestellt werden soll. Hier gilt der Spruch „The time will never be just right – just do it!” Im tiefen Wasser lernt man schwimmen, auch bei Social Media müssen Erfahrungen erst einmal gesammelt werden.

 

Foto: Frank Fischer

Foto: Frank Fischer

Jens Kobler: Nun sind viele Social Media ja als Netzwerke für Freundschaften und/oder Geschäftskontakte eingeführt worden. Gibt es Vorbehalte, wenn dort immer mehr Werbung eindringt? Man mag sich ja daran erinnern, wie das zu Beginn der e-mails war – bis der richtige Spam-Filter gefunden wurde. Wie verhindert man, den Eindruck zu erwecken, im Grunde nur Werbung zu posten?

Christoph Müller-Girod: Grundsätzlich geht es bei Social Media darum, den Anstoß für ein potentielles Interesse zu geben. Selbst die früher so exorbitant wichtige Homepage gliedert sich mittlerweile ein in die semantische Wolke einer cloud community – als Teil der Netzwerke, die daran angeschlossen sind. Und in diesen Netzwerken wartet buchstäblich ein Billionen-Publikum auf content, der gerade in unserem Arbeitsbereich von Kunst, Kultur und Design aufgesogen wird wie ein Schwamm. Dabei muss dann aber entschieden werden: Mache ich ein corporate blog ganz im Sinne und Erscheinungsbild der Firma oder des Produktes, oder wähle ich eine ganz subjektive Herangehensweise des Bloggers. Die Schnittmenge hierbei ist definitiv, dass eine bestimmte Persönlichkeit unabdingbar ist. Museumsdirektoren oder Intendanten tendieren oft zu einer kunsthistorischen Terminologie; so etwas müssen wir in eine mit Persönlichkeit beseelte Sprache transformieren, die dann wiederum auch persönliche Reaktionen hervorruft. Mittlerweile werden in Social Media auch keine Geschichten mehr kreiert, sondern man ist selbst die Story. Es gibt also eine Art stillschweigendes Übereinkommen, dass man der community Informationen reicht, aber dadurch auch ein wenig product placement betreiben darf. Um ein Beispiel zu nennen: Grundstein für unsere Arbeit für Duisburg ist „Philharmonie2.0“, bei dem wir die Duisburger Philharmoniker ins Internet gebracht haben. Ich habe ein Blog aufgesetzt, der innerhalb von sechs Monaten Userzahlen von 2.000 täglich hatte und 300.000 abgerufene Informationen im Jahr. 800 Foto-, Text- und Videobeiträge haben dafür gesorgt, dass auch die Stadt Duisburg allgemein auf uns aufmerksam geworden ist, weil sie gemerkt hat, dass Social Media vor allem eine Erweiterung darstellt. Generell unterscheide ich dabei zwischen PR und Marketing: Print ist wichtig, man muss aber auch ein wenig über Shifting nachdenken. Wenn ich den ganzen Broadway mit Plakaten pflastere, setze aber keine Karten im Vorverkauf ab, dann kann ich ein entsprechendes Budget abziehen und vielleicht ein Social Media Projekt launchen.

cmgmedia-logo1

Jens Kobler: Ich sage dann immer: „Schaltet weniger Anzeigen, nehmt lieber mich!“.

Christoph Müller-Girod: Genau. Es gibt auch Agenturen, die richten für einen hohen Betrag einfach nur eine Homepage und einen Facebook-Account ein, aber das generiert noch lange kein Publikum. Die User gehen auf die Seite zu oder sie gehen davon weg. Es geht also, wie eben schon gesagt, darum, Kontakte herzustellen. Und dabei ist nun einmal der content der king. Der content muss also auch spannend sein, insofern dass das Bloggen, der Live-Bericht, die Recherche und Gegenrecherche eine Verlängerung der direkten Kommunikation ist. Und das mit Fotos, Videos und Text als zusätzlichen Mitteln, die Interessierten quasi dabei sein zu lassen, so dass sie sich in die Situation hineinversetzen können, um schlussendlich wirklich dabei sein zu wollen. Eine Frage ist ja oft die: „Kommen denn die Leute noch ins Museum, wenn wir die Bilder hochstellen? Oder ins Konzert, wenn wir die Musik hochladen?“ Natürlich, denn all dies ist nur ein Abbild. Was in der Realität passiert, kann nie durch das Internet ersetzt werden. Und zu all dem muss noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, da die Datenanalyse beziehungsweise die Empirie bezüglich der Wirksamkeit von Social Media noch gar nicht oder nur in Ansätzen vorhanden ist. Gerade weil in Deutschland ungern experimentiert wird, muss oft der umgekehrte Weg gegangen werden, indem man sagt: Hier sind offensichtlich 20.000 Euro in Printwerbung investiert worden, und zwar ohne nachweislichen Erfolg – könnte man das nicht optimieren? Und lässt sich jemand auch nur probeweise auf uns ein, dann ist der Erfolg schnell zu erleben. Zumindest ist bisher kein einziger Versuch mit uns und den Social Media abgebrochen worden.

Jens Kobler: Vielen Dank für das ausführliche Gespräch!

Alle Fotos plus Logo: Christoph Müller-Girod

Artikel: Lab2010

Externe Links zum Thema:
CMGMedia:
http://www.cmgmedia.de
http://www.mueller-girod.com

Philharmonie2.0:

http://www.facebook.com/duisburgerphilharmoniker

K.West:
http://www.K-west.posterous.com

Autor: Jens Kobler / Lab2010 Redaktion

Tags: , , , , , , , ,

Leave a Reply


Copyright © 2017 CMG Media. All Rights Reserved.